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Wort der Kirchen vom 11.7.2015 Drucken

Wort der Kirchen – 11. 07. 2015 –
Diakon Andreas Weiß, Katholische Pfarrei St. Burchard, Halberstadt

 
Vor 600 Jahren. – Und heute?

Von den Merkzahlen, die ich im Fach Geschichte einmal lernen musste, sind  noch einige Daten mit dem Ereignis im Gedächtnis geblieben, von anderen nur noch das Ereignis. Dazu gehörte auch: „Jan Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt“. Erst durch den Besuch einer Ausstellung im letzten Sommer in Konstanz wurde für mich dieses Ereignis in seiner Bedeutung klarer. Und das Datum der Verbrennung des tschechischen Theologen und Professors der Prager Universität, der 6. Juli 1415 – hat sich mir nun eingeprägt.
Vor 600 Jahren ist all dies geschehen. Ein kurzer Rückblick. 1415: Das Konzil zu Konstanz fand bereits seit dem Vorjahr statt. Das Mittelalter mit seinen kulturvollen, aber auch dunklen Kapiteln ging zu Ende. Vieles hatte sich im Zusammenleben der Menschen geändert, auch das religiöse Leben. Und drei wichtige Aufgaben hatte sich das Konzil gestellt: die zuletzt in drei Lager gespaltene römische Kirche wieder zu vereinen, nachdem diese einhundert Jahre vorher in die Krise geraten war; notwendige innerkirchliche Reformen sollten auf den Weg gebracht und die Lehre der Kirche angesichts der Umbruchssituation neu bedacht werden. Nur die erste davon war am Ende des Konzils 1418 gelöst. Obwohl sich das Konzil eine Reform der Kirche als Ziel gesetzt hatte, wurden Theologen wie Jan Hus, die Reformen forderten, wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Da rangen zwei Parteien miteinander, die im Kern so gut wie dasselbe wollten. Den Konzilsvätern und Jan Hus ging es um die wahre, um die zukünftige Gestalt des bedrohten „Schiffleins Petri“. Seltsam – und doch wieder nicht. Denn zwischen Häresie und Orthodoxie ist ja oftmals nur ein schmaler Grat, und manchmal ist Häresie wohl nichts anderes als Orthodoxie, nur von der anderen Seite betrachtet. Wie viele Beispiele gibt es in der Geschichte dafür – das prominenteste ist vielleicht der hl. Franz von Assisi mit seinem Leben in radikaler Armut.
Mir stellt sich die Frage: Haben die Ereignisse von vor 600 Jahren mit Kirche heute zu tun? Viele von Hus‘ Forderungen gingen damals zu weit, sind heute aber seit dem letzten Konzil vor 50 Jahren auch in der katholischen Kirche umgesetzt, z.B. die Feier der Liturgie in der Muttersprache, die Kommunion unter den Gestalten von Brot und Wein, u.a. Und die Hinwendung einer bewusst armen Kirche zu Bedürftigen wird ganz aktuell in der Person von Papst Franziskus beispielhaft deutlich. Er bedauerte nun auch „den grausamen Tod“ von Jan Hus, rief zu einer Neubewertung dieses geschichtlichen Ereignisses auf und würdigte ihn als „Kirchenreformer“. Im morgigen Sonntagsevangelium sendet Jesus seine Jünger aus. Sie sollen nichts mitnehmen außer einen Wanderstab: Das Bild von einer armen Kirche – die sich den Menschen zuwendet – wird uns darin deutlich vor Augen gestellt. Wenn wir heute über die Kirche der Zukunft nachdenken, dann sollten wir darauf schauen. Aber auch auf die Ereignisse vor 600 Jahren. Denn Reformen, die damals ausgesessen wurden, drängten in den einhundert Jahren nach Hus‘ Tod massiv weiter einer Lösung zu. Da kommt 1517 in den Blick. Sollte uns nicht die ehrliche Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen auf dem Hintergrund des morgigen Evangeliums mit anderen Augen auf die Geschichte sehen und Lehren für die Kirche von morgen ziehen lassen?

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 20. Juli 2015 um 21:29 Uhr
 
 
 
Halberstadt - Dienstag, 21. November 2017
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